Robin Balser wurde 2020 zu den “30 under 30 Social Entrepreneurs” in Europa gewählt

Robin Balser: Gründer von VinoKilo

„Ich bin überzeugt von einer Zeit des bewussteren Lebens“

Ein spontaner Tausch war der Moment der Geschäftsidee von Robin Balser. In einer Bar in Estland gab er einen Gin Tonic und seinen Schal und bekam dafür eine, wie er selbst sagt, ziemlich coole Jeansjacke. Im März 2016 gründete der Mainzer VinoKilo und findet sich im März 2020 in der Forbes-Liste der 30 europäischen Top-Sozialunternehmer unter 30 Jahren wieder. Sein Geschäftsfeld ist der Handel mit Secondhand-Mode. Doch VinoKilo ist kein stationäres Ladengeschäft, sondern ein Kollektiv, das mit kuratierter Mode aus vergangenen Jahrzehnten für jeweils einen Tag oder ein Wochenende in europäische Städte kommt. Zu diesen lokalen Events strömt vor allem die junge Generation und nimmt neben Bekleidung auch die Idee nachhaltiger Mode sowie einen kritischen Blick auf das Fashion-Business mit.

VinoKilo ist mittlerweile das größte Pop-up-Event Deutschlands, lange Schlangen bilden sich an den Orten, wo ihr Station macht. Erinnerst du dich an euer erstes Event?

Klar. Das war im September 2015. Dafür hatten wir eine Vierer-WG leergeräumt und dann auf rund 100 Quadratmetern etwa 450 Personen mit Kleidung auf einem Dutzend Kleiderständern angezogen. Lange Schlangen gab es damals schon. Und Vino gratis dazu. Als Entspannungsgetränk für die lange Wartezeit.

Ihr seid das ganze Jahr auf Tour und zudem online präsent. Wie viele Menschen habt ihr schon von eurer Idee überzeugen können? Und gibt es Augenblicke, an die du dich besonders gerne erinnerst?

Allein 2019 durften wir rund 250.000 Menschen auf unseren Events begrüßen. Aktuell gehen wir davon aus, dass wir etwa 550.000 touch points mit VinoKilo hatten seit unserem Start 2016. Eine Menge Kontakte auf unseren Touren und Events in 14 Ländern sowie online. Da ergeben sich so viele großartige Momente, dass keiner wirklich herausragt, weil es einfach so viele waren. Auch wenn es vielleicht ein wenig abgegriffen klingen mag: Es sind viele großartige Momente toller Gegenseitigkeit. Wir lernen bei diesen Begegnungen an den verschiedensten Orten mit den unterschiedlichsten Menschen immer wieder eine Menge. Und freuen uns, wenn wir ein gemeinsames Verständnis für Nachhaltigkeit, manchen Wahnsinn auf dieser Welt und auch für wahren Luxus teilen. Mich begeistert es, Menschen mit einem ähnlichen Mindset zu begegnen, sich auszutauschen, Horizonte zu erweitern. Und natürlich freuen wir uns bei ViloKilo sehr, wenn wir Komplimente bekommen. Für die Art, wie wir Vintage kuratieren. Und wie wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Kleidung mit einem Vorleben nicht nur mehr Individualität schafft als Fast Fashion. Sondern auch deutlich länger tragbar ist, als man uns durch Trends, die den Namen nicht verdienen, glauben lassen will. Vintage und VinoKilo steht für Individualität. Und wenn ich bei einem Event gesagt bekomme: „Ihr seid geil, nie wieder Fast Fashion“, dann ist das toll. Dann haben wir wohl einen weiteren Menschen von unserem Weg überzeugen können.

Du meinst, die Mission von VinoKilo, nicht nur bunte textile Freude anzubieten, sondern das mit einem Bewusstsein für Herstellung, Lebensbedingungen und Lebensstil zu verbinden?

Ja. Mit VinoKilo verbinde ich immer den Gedanken: One man’s trash just might be another man’s treasure. Wir leben in Europa in einer Gesellschaft, in der Kleidung nicht als Wertgegenstand verstanden wird, in den viel Arbeit und viele Ressourcen investiert werden. Kleidung, insbesondere die Billig-Kollektionen der Fast Fashion, sind als kurzlebige Wegwerfware konzipiert. Aber auch höherwertige Mode geht viel zu schnell diesen Weg.

Du hast es gerade gesagt : One man’s trash just might be another man’s treasure. Was verstehst du darunter?

Im Grunde durchbrechen wir das System, wie es in weiten Teilen der Modebranche gelebt wird: Eine Kollektion jagt die nächste, der Lebenszyklus eines Kleidungsstücks wird dadurch künstlich verkürzt. Und da, wo Textilien zum Müll werden sollen, setzen wir an. Wir kaufen gebrauchte Kleidung auf, schauen, für welchen Style und welche Zeit sie stehen, präsentieren sie auf unseren Pop-up-Events oder online und verkaufen sie zum Kilo-Preis. Begleitet von guter Musik und interessanten Begegnungen wird ein Kleidungsstück vom Trash zum Treasure und findet seine Liebhaberin oder seinen Liebhaber. Dafür kriegen wir viel Zuspruch. Aber natürlich wissen wir, dass wir nur einen extrem geringen Teil aller Textilien, die jedes Jahr vernichtet werden, in ein zweites Leben bringen. Leider.

Bewusst Mode shoppen als Event mit Musik, Essen und Wein. Das ist das Markenzeichen von VinoKilo. Gute Laune und Kilo-Preise machen noch kein Sozialunternehmen. Woran kann man das bei euch ablesen?

Aus meiner Sicht macht ein Sozialunternehmen nicht aus, was auf der Verpackung drauf steht, sondern was die Vision ist und wie sie sich im täglichen Tun tatsächlich abbildet. VinoKilo entstand aus einem der größten Community-Swap-Events in den Niederlanden. Wir teilen dieselbe Mission - die Verlängerung des Lebenszyklus von Bekleidung. Bei VinoKilo möchten wir Menschen, unabhängig von Alter und Einkommen eine Alternative zu den eingespielten Gewohnheiten der Firsthand Fashion bieten, vor allem der Fast Fashion. Mode, die leistbar ist und zugleich etwas leistet. Denn unsere Kunden erleben nicht nur Freude an unseren Kleidungsstücken, sondern tragen dazu bei, dass endliche Ressourcen, die bei der Produktion neuer Textilien entstehen, eingespart werden. In vier Jahren hat VinoKilo 200 Tonnen Bekleidung ein neues Leben gegeben. Der größte Impact kommt durch die über 550.000 Menschen, die bereits bei uns waren. Sie entdecken Secondhand als ihre Firsthand Fashion. Und sehr viele verzichten immer mehr oder sogar ganz auf die üblichen, immer wieder neuen Angebote der Textilriesen.

Wie reagierst du, wenn man dich fragt, wo eure Bekleidung herkommt? In der hochprofitablen Modebranche gibt es auch viel Schatten, gerade bei der Fast Fashion. Und gibt es nicht auch fragwürdige Dinge im Bereich des Secondhand-Handels?

Bestimmt. Fragwürdige Dinge lassen sich in jeder Branche finden. Und ich freue mich, wenn ich gefragt werde. Wenn auch solche Dinge zur Sprache kommen, wenn wir überhaupt über das Thema Mode sprechen und dabei auch ein Austausch darüber stattfindet, was alles noch zu diesen Bereich gehört. Beispielsweise die rund 800 Millionen Kilo Kleidungsmüll, die es jedes Jahr allein in Deutschland gibt. Das ist eine unvorstellbar große Menge. Bei VinoKilo hielten wir schon Millionen Stücke in den Händen. Im Vergleich zum jährlichen Kleidungsmüll ist selbst das kaum etwas. Unsere Mode beziehen wir von Recyclern in Europa, die diese aus legalen Containern und anderen Quellen beziehen und die Spielregeln einhalten. Wir nehmen weder hilfsbedürftigen Menschen etwas weg und beziehen die Ware auch nicht von dubiosen Firmen, wo alles etwas günstiger ist. Das Hauptproblem bleibt der große Kleiderberg, der jedes Jahr trotzdem entsorgt wird. Die Maschinerie der großen Konzerne, die mit Wahnsinnsgeschwindigkeit ständig neue Ware auf den Markt werfen und die wertvollen Ressourcen, die durch ihre Produktion vernichtet werden. Es wäre ziemlich vermessen, wenn ich sagen würde, dass wir eine Lösung haben, um dem wirkungsvoll etwas entgegenzusetzen. Aber jedes einzelne Kleidungsstück auf unseren Events, jeder überzeugte VinoKilo-Fan ist ein Teil unserer Mission, das Modebewusstsein zu verändern. Und damit auch das Kaufverhalten. Die großen Konzerne sehen uns gewiss nicht als Konkurrenz. Aber sie nehmen sehr wohl wahr, dass Secondhand und ein kritisches Hinterfragen der Modeindustrie stattfindet.

Der Paradiesvogel Robin Balser ist Gründer und Unternehmer. Was verstehst du unter unternehmerischer Verantwortung?

In erster Linie, dass ich mit meinem Team aus etwa 90 Angestellten aus über 24 Nationen fair umgehe. Dass ich Umsatz und Profit nicht über das Wohl des Teams und einzelner Mitarbeiter stelle. People und Impact sind first. Das lebe und erlebe ich jeden Tag. Daraus ziehe ich deutlich mehr als nur aus Zahlen und Bilanzen.

Welchen unternehmerischen Fehler möchtest du nicht mehr begehen? Und was rätst du anderen Start-ups, die sich auf die Reise machen?

Fehler gehören unbedingt dazu. Fail and fail until you succeed! Das ist Teil des Lernprozesses.

Klingt wie eine Hommage an Winston Churchill: Success consists of going from failure to failure without loss of enthusiasm.

Auch wenn ich London sehr liebe, muss es nicht unbedingt Winston Churchill sein. Aber die Passage mit dem Enthusiasmus übernehme ich gern. Mehr machen, mehr Doing, dazu rate ich. Wer zu viel Energie auf Planung verwendet, grübelt auch schneller, wird zögerlich. Daran sind schon manche sehr gute Ideen gescheitert.

Ein Pop-Up-Event von VinoKilo vor der Covid-19-Pandemie

VinoKilo lebt vom Austausch, vom direkten Gegenüber mit den Kunden. Die Corona-Pandemie hat eure Tour-Events zum Erliegen gebracht. Während wir miteinander sprechen, steckt ihr inmitten dieser Situation. Welche Strategien helfen dir gerade? Und was nimmst du aus dieser Erfahrung mit?

Ja, Corona hat uns schwer getroffen. Wir mussten über 100 Events absagen, hatten Umsatzausfälle von 95 %. Das war schwer. Wir haben einen Teil unserer Event Operations in den E-Commerce-Shop verlagert und konnten so die Umsatzausfälle etwas auffangen. Wir haben dieses Krise als Chance gesehen, sehr viel Potenzial in uns entdeckt. Ich nenne das den Hero-Faktor. Das hat uns durch die Zeit begleitet, uns gestärkt und gleichzeitig haben wir als Team Veränderungen auf den Weg gebracht. Wir werden als Unternehmen künftig noch stärker aufgestellt sein und ein fester Bestandteil des New Normal werden.

Mode gab es immer und wird es immer geben. Aktuell ist der absolute Großteil Neuware, die verkauft wird. Was erhoffst du dir von der Zukunft?

Ich hoffe nicht, sondern ich bin überzeugt von einer Zeit des bewussteren Lebens. Eine Zeit, in der wir als Menschen und Konsumenten stehen bleiben und nicht mehr leichtfertig sagen, dass wir noch eine zehnte Jeans brauchen oder den 14. Pullover. Sondern für uns selbst feststellen, dass wir weniger benötigen, dafür aber besser. Besser ist für mich Secondhand. Das ist Upcycling mit einem neuen Bewusstsein für Bekleidung. Die wir gerne auch mal das Vintage-Lieblingsstück zum Schneider bringen und uns freuen, dass es noch länger getragen werden kann. Daran glaube ich.

Apropos Lieblingsstück. Du bist umgeben von Mode aus vielen Jahrzehnten. Hast du deine Lieblings-It-Pieces oder einen Lieblings-Stil?

Ich mag es bunt, knallig und vielleicht ein wenig anders als das, was man sonst noch auf den Straßen sieht. Viele Sachen, die ich trage, stammen aus den 80ern. Das passt zu mir. Ich mag diesen Vintage-Stil und fahre auch einen Citroën CV2, eine Ente von 1983. Mit der Kleidung aus dieser Zeit verbinde ich die Geschichte und die Geschichten, die das einzelne Stück erlebt hat. Daher freue ich mich auch jedes Mal, wenn wir bei VinoKilo Kleidung mit ihrer eigenen Geschichte und die Geschichte ihrer jeweiligen Mode-Ära weitergeben. Create endless clothing life cycles and stories - das lebe ich sehr sehr gern.

Mit Robin Balser sprach Paul Heilig.

Text: © Impact Funding — Fotos: © VinoKilo

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